And the Winner is… Zu einem Zeitgeist-Phänomen des Fotobuchmarktes

In der PHOTONEWS-Ausgabe Mai 2012 (Seite 3) erschien nachfolgender Essay von Christoph Schaden, den wir auch Nutzern dieses Blogs zugänglich machen möchten. 

Sogleich zur Testfrage. Was haben eine Berghalde, eine unter Schweinen grassierende Halskrankheit und eine Wegekrümmung gemeinsam? Nun, die Gebrüder Grimm aus Göttingen wussten es noch. Die beiden emsigen Wortfinder und Märchensammler aus dem 19. Jahrhundert erkannten in dem süffisanten Bedeutungsgehege noch eine bindende Sprachwurzel aus dem Altgermanischen nachwirken. Dabei handelt es sich um den „Rank“, so ihr berühmtes Deutsches Wörterbuch. Das Einsilbenwörtlein feiert dieser Tage wieder fröhliche Urständ, sinnigerweise auch auf dem stets noch überhitzten Kleinstsegment des Fotobuchmarkts. Allerdings in Verlaufsform und unter angelsächsischen Vorzeichen. Jawohl, die Rede ist vom Ranking! Kaum ein Weblog, Fachbuchhändler oder Starfotograf mag heutzutage mehr auf eine persönliche Empfehlungsliste verzichten. Hauptsache, das Signal wird gesetzt, zur selbsternannten Avantgarde dazuzugehö­ren, um im Wust der Neuerscheinungen schon jene Preziosen herausgepickt zu haben, die auf 500 Exemplare limitiert und in zwei Tagen eh nicht mehr lieferbar sind.

Da lässt der Aktienhandel schön grüßen. Facebook-Communities wie Flak Photo und Photobook über­bieten sich derweil mit Exklusivempfehlungen im Dickicht der Neuveröffentlichungen, Selbstverlage ge­hen munter in die digitale Selbstdistribution. International ausgerichtete Messen und Festivals ­(Paris, Kassel usw.) heizen kräftig den Eventcharakter des Marktes an, während der klassische Sortimentshandel langsam aber sicher ­zugrun­de geht. Alles gerät im Spannungsfeld von Fetischisierung und Über­­- angebot ins Wanken, fast ein jeder droht im Grimmschen Sinne an der „Berghalde“ der Neuerscheinungen zu verzweifeln. Echte Finanzhäuptlinge sprechen denn auch vom ­Dilemma der Diversifikation. Was bedeutet, dass immer mehr Buchprodukte für eine immer differenziertere Kundschaft bereitliegen, welche im Sauseschritt übers Worldwideweb einfach immer schneller und billiger zugreifen will. Fragt sich nur wo und wofür. Die Diagnose ist eindeutig. Im globalen Gefüge des Fotobuchmarktes ­herrscht die neue Unübersichtlichkeit.

Dergestalt mag dem Zeitgeist ein Korrektiv abhelfen, das auf ganzer Linie Erlösung aus der Orientierungsnot verspricht. Das Phänomen des Ranking treibt Blüten, gerade im Netz. Dort werden Connaisseure wie Martin Parr und John Gossage in mittlerweile fast penetrantem Maße nach ihren Lieblingen befragt. Dort geben Multiplikatoren aus der Museums- und Galerieszene, wie beispielsweise Horacio Fernández und Darius Himes, ihre Expertisen kund. Dort erläutern Fotografen wie Alec Soth, Jeffrey Ladd und Harvey Benge auf ihren Homepages ein eigenes Präferenzsystem. Nicht zuletzt gibt unter der Rubrik „The Best Book… Our Annual Survey of Books, As selected by 26 Photoworld Luminaries“ dort auch die texanische Institution Photoeye im klassischen Gestus der Oscarnominierungen alljährlich ihre Shortlist bekannt. The Winner is… lautet die Devise. In kurzen knackigen Statements wird dabei von prominenter Seite das Wiesoweshalbwarum der vorgenommenen Selektion verkündet. (Ein Schelm übrigens, wer bei dem Empfehlungsgeschrei jetzt an die Schweine denkt, die im Grimmschen Sinne mit Halserkrankungen zu kämpfen haben!)

The History of Ranking

Gegen die Entwicklung wäre überhaupt nichts einzuwenden, wenn es da nicht ein paar kleinere Probleme gäbe. Eines davon könnte man vielleicht als die anachrone Medialität des Buches bezeichnen. Denn bekanntermaßen ist das Buch immer noch durchweg offline ­ge­blieben und in seiner Wesenheit auf eine extrem lange Halbwertzeit hin angelegt, − es sind geschätzte 500 Jahre plus − die gegenüber dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad des Marktes überhaupt nicht konform erscheint. Fotobücher sind auf die Dauer hin konzipiert, beanspruchen viel Zeit für die Lektüre und vor allem: Gute ­Fotobü­cher wollen nach Jahrzehnten immer noch relevant sein. Und eben nicht schon ein halbes Jahr nach Veröffentlichung unter dem zweifelhaften Stigma „nicht mehr brandnagelneu“ in die Annalen eingehen.

Das mag selbst für die Handvoll ­Publikationen zutreffen, die sich im Sinne einer History of Ranking versucht haben. Ein kurzer Blick zurück mag genügen. In Europa fiel der Startschuss vermutlich im Frühherbst 1984 auf einer Ausstellung der Messe photokina in Köln, die sich dem ­gedruckten Foto widmete. Eine von L. Fritz Gruber zusammengestellte Schar von internationalen Fotohis­torikern, Kuratoren und Kennern trennte damals zum ersten Mal die Spreu vom Weizen, um einen bib­liografischen Kanon der Fotobuchgeschichte zu erstellen. Der 49-teilige Bücherreigen reichte von Talbots The Pencil of Nature bis hin zu den Anonymen Skulpturen von Bernd und Hilla Becher. Als Schlüsselkriterium der Selektion diente seinerzeit übrigens die Frage: „Welche Bücher waren es, die den größten Einfluss auf die Weiterentwicklung des Mediums Photographie gehabt haben?“ Nochmals zur Erinnerung: Vor gefühlten Äonen war das Buch einmal unentbehrlich, wenn es galt, sich über die seltsame Orchidee namens Fotografie kundig zu machen.

Zwei Jahre später machte sich Alex Sweetman am anderen Ende des ­Atlantiks an die Pionierarbeit, einmal in groben Zügen die historische Genese des Fotobuchs nachzuzeichnen. Auch der US-amerikanische Fotohistoriker kam nicht umhin, in seinem großartigen Essay Photographic Book to Photobookwork. 140 Years of Photography in Publication ein gewisses Ranking vorzunehmen. Dabei wartete er aber mit einem umfassenden Krite­rienkatalog auf, nach dem die spezifische Qualität eines einzelnen ­Fotobuchwerks zu beurteilen sei. Sie würde heute noch jedem Epigonen zur Ehre gereichen, zumal Sweetman fast schon prophetisch auf ein Paradigma aufmerksam machte, dem im Segment des Fotobuchs die größte Bedeutung einzuräumen ist. „The complementary aspect of temporality is even greater importance in relation to the phenomenon of the photobookwork and the historical development of vision.“ Als fotohistorisch interessantes Frühranking ist dann sicher noch der schmalbrüstige Katalog Building a Photographic Library zu nennen, der 2001 im Auftrag der Texas Photographic Society das Licht der Welt erblickte. Zu jenem Zeitpunkt hatte sich das Fragenprofil an die Experten bereits entscheidend verändert. „We would like to know your six favorite photography books. Please list them on the en­closed form and include a brief ­   des­cription of each book an/or a state­ment on how the book has influenced you.“ Damit war im Ran­kingspiel auch jener Standardisierungscode präfiguriert, der bis heute die Gemüter erregen kann. Bemerkenswert ist im Rückblick übrigens auch, dass ein Meinungsbild von mehr als 140 (!) Personen eingeholt wurde und man nicht davor zurückschreckte, statistische Auswertungen vorzunehmen.

 The List of the Lists

Den Rest kennt man ja. Andrew Roth meinte im gleichen Jahr mit einem Book of 101 Photobooks aushelfen zu müssen, das Schweizer Ehepaar Auer legte dann einige Jahre später mit einem dokumentierten Sammlungsbestand von 802 Fotobuchperlen nach und der Bestand der Martin Parr-Collection liegt nach neuesten Schätzungen mittlerweile bei mehr als 30.000 Publikationen. Man kann nur sagen: Willkommen im Potenzierungswahn! Womit dann wieder das Dilemma der Unübersichtlichkeit  ins Visier gerät und mit ihr ein weiteres aktuelles Problem der Ranking-Mania. Der in Paris lebende Japan-Experte Marc Feustel machte in seinem bemerkenswerten Blog eyecurious zum Jahreswechsel da­rauf aufmerksam, dass auf digitalem Wege mittlerweile 52 verschiedene Rankings zum Fotobuch abrufbar sind. Wer behält da noch den Überblick? Man mag es seinem gewissenhaften Temperament zuschreiben, dass Feustel in die ihm wohl einzig mögliche Disziplin flüchtete, die abseits aller Irrungen und Wirrungen Heilung versprach: Die blutige Mathematik, um ein Wort von Albert Camus zu gebrauchen. Anhand einer Metaanalyse (kein Witz!) wertete Marc Feustel die gewaltigen rekommandierenden Datenmengen aus und vereinte sie in einer „List of the List“, die allein schon aufgrund ihrer Genese absurde Züge aufweist. Gleichwohl folgt sie unverhohlen dem Zeitgeist-Credo der Quote.

Damit ist es allerdings nicht genug. Zumindest kurz angesprochen seien an dieser Stelle noch zwei weitere Spielarten des Rankings im Netz, die den Blick auf das Fotobuch nachhaltig beeinflussen. Zum einen kommt man nicht umhin, die Daumen-hoch-Daumen-runter-Ideologie bei Facebook aufzuführen, die Rezipiertes auf ein Minimalmaß reduziert. Die Hauptsache ist wohl, man zählt weiter zu den Freunden. Zum anderen zeugt das Reizwort „amazon.com“, das mit einem Versprechen bestmöglicher Verfügbarkeit hausieren geht, vom global geführten Kampf um Preise und Absatzmärkte, der weiter mit der unerbittlichen Härte der Ökonomie auf dem internationalen Buchsektor geführt wird. Der daraus resultierende Verlust an Vielfalt, die sich in einzelnen verlegerischen Derivaten des Fotobuches derzeit noch behaupten kann, spiegelt sich in dem Megakonzern eins zu eins in einem albernen Fünfsternesystem. Dieses Mal lässt die Grundschule grüßen.

Before The Price Goes Up

Angesichts des ganzes Aberwitzes, den das Ranking für die Gegenwart bereithält, ist man vielleicht geneigt, ein letztes Mal an die Gebrüder Grimm zu denken. In ihrem ehrwürdigen Bedeutungsgehege überdauert noch ein schönes Wort, das durchaus alternative Handlungsoptionen bereithält. Ihr Begriff „Wegekrümmung“ steht dabei emblematisch für die Möglichkeit, jenseits der Wertungshoheiten unbetretenen Pfaden zu folgen. Inwieweit gekrümmte Wege manchmal auf wundersame Weise wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückführen können, belegt auf delikate Weise eine fotokünstlerische Arbeit von An­dreas Schmidt. Der in London lebende Exildeutsche hat gleich mehrere doppelbödige Bücher bei Blurb veröffentlicht, darunter zuletzt einen Band mit dem anspielungsreichen Titel The Cost of Photobooks: A History II. Hierfür recherchierte Schmidt über eine Periode von zwei Wochen im Herbst letzten Jahres „the on-line cost and availability of all the books contained in the original PARR/ BADGER book, first published in 2006“, so der augenzwinkernde Online-Eintrag. Falls wegen all des Ranking-Hypes jemand aus der Online-Gemeinde tatsächlich verschlafen haben sollte, hat Andreas Schmidt noch eine nette Empfehlung parat. „Rumored to be featured in PARR/BADGER’s planned new book on Photobooks, one thing is for sure – buy your copy now before the price goes up.“ Unnötig zu betonen, dass seine Edition auf 100 Exemplare limitiert ist.

Christoph Schaden

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