Kenneth Gustavsson. The Magic Bar

Die Bar liegt gegenüber. Ich bin unschlüssig: Soll ich, soll ich nicht? Auch wenn ich nicht länger hier rumlungern will, irgendetwas hält mich. Da ist dieses merkwürdige Versprechen, das über der Tür prangt. Nicht das auf Alkohol, sondern jenes  beschreibende Attribut im Namen, das meine Neugierde hervorruft: MAGIC. Düster und unwirklich  ist die Fassade. Niemand, wirklich niemand, der rein oder raus geht. Die Scheiben gleichen mächtigen getönten Brillengläsern, die das Dahinter verbergen. Was einen dort erwartet? Ob all jene, die draußen nirgendwo anzutreffen sind, zusammen gepfercht an der Theke sitzen, Drinks nehmen, sich mit ihrem Nachbarn unterhalten, eben all jene Dinge tun, die man in Kneipen tut? Wenn die Fenster Augengläsern gleichen, dann ist der Eingang ein dunkler Schlund, der jeden schluckt, der sich ihm nähert. Ich kann nicht anders. Die Bar zieht mich magisch (!) an, ich überquere die Straße und dann bin ich drin.

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Rena Effendi. Land ohne festen Boden

Mit seinem roten Kunststoffumschlag gaukelt das kleinformatige Buch irgendwas zwischen Mao-Bibel, Lehrbuch und privatem Fotoalbum vor. Ein Schmetterling ist auf der Front eingeprägt, dazu Name und Titel. In Gold. Das Vorsatzpapier besteht aus ornamentalen Mustern, genaueres Hinsehen identifiziert diese als Reihungen weiterer Schmetterlinge. Das mag ein wenig zu viel des Guten sein, verweist aber auf den Inhalt: In der Tat findet man in dem Buch immer wieder Bilder von Schmetterlingen. Mein liebster Schmetterling ist jener mit grün-weißer Färbung, der uns aus der Dunkelheit ins Licht entgegen schwebt. Aber dann ist es gar kein Schmetterling, sondern ein kleines Mädchen, das aus der Tiefe des Raumes kommt. Der halb entblößte Körper ist über und über mir grünen Farbschlieren bedeckt. Eine Creme gegen Windpocken, wie man aus dem Titel kombinieren kann. Weiterlesen

Johan Willner. Boy Stories.

Den blå bilden/ The Blue Picture 2006

Eine türkisschimmernde Fläche, zerschnitten von einer Garderobenleiste. Das Intro zu Johan Willners Buch lässt den Betrachter dicht vor einer Wand verharren, von der die eigenen Erinnerungsechos hart auf ihn zurückprasseln. Die Wand gehört zu einer Umkleidekabine. Diese wird noch einmal im Abschlussbild auftauchen. Dort wird  eine umfassendere Perspektive in die Tiefe des leeren Raums gewährt. Auf einer Bank ein vergessenes Handtuch, auf dem glänzenden Boden liegen achtlos weggeworfene Bonbonpapiere. Willner schafft kinematographische Bilder, deren Inhalte einem exakten Drehbuch folgen. Dessen Schreiber ist die Erinnerung. Weiterlesen