Johan Willner. Boy Stories.

Den blå bilden/ The Blue Picture 2006

Eine türkisschimmernde Fläche, zerschnitten von einer Garderobenleiste. Das Intro zu Johan Willners Buch lässt den Betrachter dicht vor einer Wand verharren, von der die eigenen Erinnerungsechos hart auf ihn zurückprasseln. Die Wand gehört zu einer Umkleidekabine. Diese wird noch einmal im Abschlussbild auftauchen. Dort wird  eine umfassendere Perspektive in die Tiefe des leeren Raums gewährt. Auf einer Bank ein vergessenes Handtuch, auf dem glänzenden Boden liegen achtlos weggeworfene Bonbonpapiere. Willner schafft kinematographische Bilder, deren Inhalte einem exakten Drehbuch folgen. Dessen Schreiber ist die Erinnerung.

„Meine Arbeit begann mit einem einzigen Bild, einer Erinnerung. Es war vielleicht das stärkste Bild, das ich mir jemals vorgestellt habe…Dieses Bild trug ich immer mit mir herum.“ Diese Obsession, die der Fotograf Johan Willner (Jahrgang 1971) schließlich in einem Foto materialisiert hat, zeigt einen Jungen, der mit blutender Wunde im Gesicht auf der Rückbank eines Autos sitzt. Der Vater, durch den Bildausschnitt anonymisiert, holt ihn von der Schule ab. Die Reaktionen der beobachtenden Mitschüler sind deutlich unterschiedlich und reichen von Belustigung bis zu Erschütterung. Der Junge versagt sich, zu weinen.

Ordningen/ Die Ordnung 2006

Erinnerungen der Kindheit, die lange verschüttet gewesen sind und plötzlich zurückkehren, andere Erinnerungen, die uns ständig begleiten und denen wir nicht entkommen, Erinnerungen, die schwächer werden und die sich verändern, Erinnerungen, die sich aus überlieferten Geschichten destillieren, die schließlich als die eigenen ausgegeben werden. Der Stockholmer Fotograf reflektiert in seinen kühlen, eleganten Arbeiten jene unterschiedlichen Prozesse. Die Erinnerungsgeschichte, seine Boy Story, schildert der Fotograf allerdings nicht in erwartbarer Weise, etwa in der Form des Aufsuchens der Kindheitsorte und einer damit einhergehenden Dokumentation. Willners fotografischen Rekonstruktionen eigener Erinnerungsbilder beinhalten Anspielungen, Geheimnisse, Imitationen und zuweilen aberwitzige Einfälle. Die minutiös arrangierten Szenen, die er mit der Großformatkamera einfasst, unternehmen alle Anstrengungen, den Betrachter im Unklaren zu belassen. Da gibt es surreal anmutende Bilderfindungen: Ein Elch durchschwimmt einen See, in der Ferne ist ein Jäger mit seinem Hund am Ufer erkennbar. In einer anderen Arbeit schreitet ein Mann im Sonntagsstaat einen Feldweg entlang, während er auf seinem Rücken einen riesigen Traktorreifen balanciert.

Skare/Crust of Faith 2011

Die Qualität von Willners Arbeit zeichnet sich durch wechselnde Tonlagen aus. Der Sarkasmus weicht zuweilen einer Melancholie, die grelle Phantasie einem ruhigen, unangestrengtem Realismus. Es braucht nicht unweigerlich das Surreale oder die Übertreibung, um den Betrachter in eine Szene hineinzuziehen. Die zurückgelassene dickglasige Brille auf einem Schreibtisch, nackte Füße auf einem Laken oder eben die schlichte Wand der Umkleidekabine gebieten Momente des Einhaltens.

Eine Arbeit zeigt die spiegelverkehrte Szene eines etwa zehnjährigen Jungen im Kreise seiner Familie. Er hält die Kamera, ist der Bildmacher und scheint das Alter Ego von Johan Willner zu verkörpern. Häufig treten Kinder in den Szenen auf, die sich als Wiedergänger des Fotografen in rätselhaften oder beunruhigenden Umständen befinden. In einem Begleittext erzählt der Fotograf von einer tiefgehenden Kindheitserfahrung, als der Vater plötzlich zur Behandlung in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses eingeliefert wird. Die Familie besucht ihn daraufhin und der Sohn wirft auf dem Gang einen Blick durch die Fensterscheibe eines Nachbarzimmers. In der Arbeit „Room 4“ findet diese beunruhigende Begebenheit ihre späte visuelle Verarbeitung. Ein halbnackter Mann wandert durchs Zimmer und spielt selbstversunken mit einem Jo-Jo.

Room # 4, 2009

In Willners Erinnerungsphantasien ruhen oft Geheimnisse, die nicht gelüftet werden. Ein Auto stoppt mitten auf der Straße, zwei Männer steigen aus und schauen argwöhnisch in unsere Richtung. Ein dritter Man eilt aus dem Hintergrund dazu. Eine Verunsicherung beim Betrachter erzeugt vor allem die Anwesenheit eines Mädchens im Wagenheck, dessen stummer, anklagender Blick uns tief durchdringt. Nicht nur hier ist es so, dass man unweigerlich die Begebenheiten über den Bildrand hinaus weiterdenkt. Willners Bilder, und seien sie in ihrer Aussage so karg wie eine blanke Wand, nehmen uns sofort an den Haken. Peter Lindhorst

Johan Willner. Boy Stories. Mit Texten v. Clarence Crafoord u. Johan Willner. Hatjecantz. Ostfildern, 2012. ISBN 978-3-7757-3448-6. 80 S. mit 67 farb. Fototaf. Geb. 35,00 €

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