Kenneth Gustavsson. The Magic Bar

Die Bar liegt gegenüber. Ich bin unschlüssig: Soll ich, soll ich nicht? Auch wenn ich nicht länger hier rumlungern will, irgendetwas hält mich. Da ist dieses merkwürdige Versprechen, das über der Tür prangt. Nicht das auf Alkohol, sondern jenes  beschreibende Attribut im Namen, das meine Neugierde hervorruft: MAGIC. Düster und unwirklich  ist die Fassade. Niemand, wirklich niemand, der rein oder raus geht. Die Scheiben gleichen mächtigen getönten Brillengläsern, die das Dahinter verbergen. Was einen dort erwartet? Ob all jene, die draußen nirgendwo anzutreffen sind, zusammen gepfercht an der Theke sitzen, Drinks nehmen, sich mit ihrem Nachbarn unterhalten, eben all jene Dinge tun, die man in Kneipen tut? Wenn die Fenster Augengläsern gleichen, dann ist der Eingang ein dunkler Schlund, der jeden schluckt, der sich ihm nähert. Ich kann nicht anders. Die Bar zieht mich magisch (!) an, ich überquere die Straße und dann bin ich drin.

Die „Magic Bar“ liegt nicht auf der anderen Seite, sondern als gleichnamiges Buch vor mir. Und noch bin ich unschlüssig. Soll ich, soll ich nicht…eine Besprechung wagen? Es ist nämlich eines jener Bücher, die sofort den Arm um mich legen, mir einen Drink anbieten und mir ihre Geschichten erzählen. Und ich kann nicht anders, ich muss zuhören. Erwarte also niemand ein ausgewogenes Urteil. Ich bin leicht korrumpierbar für einen Drink und eine gute Geschichte!

Fotograf der “Magic Bar” ist der  Schwede Kenneth Gustavsson. 1996 konnte ich in Stockholm eine unvergessene Ausstellung namens „Indicier“ besuchen, in der Arbeiten von Christer Strömholm, Anders Petersen und Kenneth Gustavsson gezeigt wurden. Im Gegensatz zu den beiden Erstgenannten ist Gustavsson, zumindest außerhalb Schwedens, der große Unbekannte dieses Dreigestirns geblieben. In der kürzlich erschienenen Strömholm-Monographie „Post Scriptum“ (die gleichnamige Ausstellung gastiert derzeit im C/O Berlin) wurde u.a. auf Strömholms herausragende Rolle als Lehrer verwiesen. Er war derjenige, der die “Fotoskolan” in Stockholm mitbegründete und sie 10 Jahre leitete. Seinen Schülern hat er vieles abverlangt und sie darauf eintrainiert, Fotografie als etwas zu begreifen, dass –grob umschrieben- intuitiv, spontan, sehr subjektiv ist und dessen Ergebnis den Betrachter in dem Gefühl zurücklassen soll, Intimes vermittelt zu bekommen. Anders Petersen hat seinem Mentor Strömholm, wie er selbst immer wieder betonte, vieles zu verdanken. Heute ist er derjenige, der in den Olymp der Fotografie eingezogen ist, während die Arbeit seines 2006 verstorbenen Freundes und ehemaligen Mitstudenten Kenneth Gustavsson fast vergessen ist. Andersherum ausgedrückt: Das „Cafe Lehmitz“ brummt, die „Magic Bar“ wäre beinahe von Schließung bedroht gewesen.

Nun ist es vor allem Gustavssons Freund Thomas Wågström zu verdanken, dass es dazu nicht gekommen ist. Gemeinsam mit Anders Petersen hat dieser die  wichtigsten Bilder von Gustavsson aus den Archivtiefen gehoben, um sie nicht dem Vergessen anheimzugeben. So ist ein wunderbares Buch mit Arbeiten aus drei Jahrzehnten entstanden. Zusätzlich wurde vor kurzem eine große Retrospektive im „Fotografiska“ in Stockholm gezeigt. Wie bei Petersen ist auch bei Kenneth Gustavsson der Einfluss von Strömholm zu spüren, doch Gustavsson hat sich sowohl inhaltlich als auch in seiner düsteren, verzerrt introspektiven Ästhetik von seinem Lehrmeister emanzipiert. Seine ganze Vorgehensweise wirkt überaus eigenwillig. Mal führen Gustavssons Fotos einen harten Realismus vor, dann gibt es Szenen, die ins Surreale gewendet sind. Den Betrachter befällt häufig ein Gefühl leichten Unbehagens.

Aber was spielt sich nun genau ab in der Magic Bar? Hier erzählt niemand seine ausufernde Geschichte an der Theke. Die Situation verhält sich eher so: Vor einer riesigen Geräuschkulisse aus Stimmen und Jukebox-Musik schnappt man immer nur kleine Fetzen auf, kein eitles Geplauder des Gegenüber, sondern eher isolierte Partikel der Erinnerung, schüchterne Details und lakonische Beschreibungen, stimmungshafte Momente der Intensität. Einen derartigen Eindruck erhält man, wenn man durch die Seiten blättert. Gleich auf den ersten Seiten reihen sich überaus düstere Bilder aneinander: Ein Affe springt uns aus der Tiefe eines Käfigs entgegen. Ein Vogel schlägt gegen eine Fensterscheibe. Ein alter Mann, den Kopf gebeugt, lehnt erschöpft an einer gekachelten Wand. Ein anderer Mann liegt im Rinnstein, während die Autos gefährlich nah an ihm vorbeiziehen.

Es gibt durchaus auch Momente zum Atemholen: Ein Hund streunt eine Straße lang, eine schneebedeckte Autokarosserie, ein Wohnzimmerinterieur, ein vorüberfahrender Zug. Egal, ob Stadtansichten, Gebäudefragmente, Vögel oder ganz banale Dinge gezeigt werden, meist wirken diese aus der Sicht von Gustavsson mehrdeutig und wie mit einem dunklen Firnis überzogen. Der Fotograf streift durch die Städte und dokumentiert mit melancholischen Blick verschiedene Aspekte des Geschehens um ihn herum, die er kaleidoskopartig zu einem Bild einer seltsam verschobenen Wirklichkeit zusammenfügt.

Da ist die Frau, die uns aus dem vergitterten Fenster eines Zugs schüchtern entgegen lächelt. Ein Junge, der mit seinem Ball in einer leeren Straße kickt und uns mit einem kurzen Blick über die Schulter mustert. Man schaut in die Gesichter derjenigen, die der Fotograf porträtiert und entdeckt: Verlorenheit.

Der Ablauf dieses Buches ist mit ständigen Ort- und Zeitsprüngen und wechselnden Perspektiven versehen. Ein einziger Flickenteppich. Erst die Recherche ergibt, dass die Bilder in Paris, Belfast, in New York und Chicago, in Stockholm, Berlin und Hamburg entstanden sind. Im Buch selbst ist darauf kein Hinweis, nirgends. Dem Betrachter werden viele kleine, abgründige Episoden geboten, die er automatisch weiter imaginiert. Abgrund ist bei Gustavsson immer mit einer Tiefe verbunden. Diese Tiefe erfasst uns mit unerwarteter Wucht.

„Oh, Sie sind auch gerade angekommen… Klar, der Platz ist noch frei…Darf ich Sie auf einen Drink einladen…Was sagen Sie?…Ja, genau, find ich auch: it’s magic!“ (Peter Lindhorst)

Kenneth Gustavsson. The Magic Bar. Texte v. Gerry Badger & Thomas Wågström. ISBN 9789171262592. Max Ström Verlag. Stockholm, 2012. 150 S. mit zahlr. Fototaf. , geb., ca. 40,00 €

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