Antonia Zennaro. Reeperbahn.

Coverfoto “Reeperbahn”

Udo Lindenberg singt: „Reeperbahn, du geile Meile.“ Und Tom Waits: “The memories are short but the tales are long when you’re in the Reeperbahn.” Immer noch ist die Reeperbahn ein mythisch aufgeladener Ort, an dem sich eine Vielzahl von Literaten, Musikern und –genau- Fotografen künstlerisch abarbeiten. So klingt mir just in diesem Moment ein Song der wunderbaren „Villagers“ entgegen, die von kleinen lustigen Fehlern im irdischen Design singen und ausgerechnet die Reeperbahn als Synonym benutzen. Die Reeperbahn ist der gern benutzte Platzhalter, eine Projektionsfläche für die verschiedensten, wild-romantischen Vorstellungen, die in unserm Kopf herumschwirren und mit der Realität jener Geldmaschine, als die sich der voll durchkommerzialisierte  Kiez heute real erweist, herzlich wenig zu tun haben. Seit Jahren erlebt die Reeperbahn einen extremen sozialen und wirtschaftlichen Wandel. Die Bummelmeile, die jedes Wochenende riesige Heerscharen von Touristen anzieht, wird zur reinen Konsumzone. Der Veränderungsdruck ist stark, Miet- und Immobilienpreise explodieren.  Legendäre Clubs und Bars haben längst geschlossen. Das Millerntor-Hochhaus, das Brauerei-Quartier oder Teheranis „Tanzende Türme“ sind sichtbare Indikatoren eines rasanten Wandlungsprozesses, der das alte Rotlichtmilieu in seiner Gesamtheit immer mehr verschwinden lässt. Aber mit der Auflösung des alten Quartiers und der Errichtung seelenloser Glasbauten wird sich irgendwann auch der hartnäckige Mythos von selbst erledigt haben. Antonia Zennaro ist eine Fotografin, die sich im doppelten Sinne auf schwieriges Terrain begibt und dieses bravourös beackert. An keiner Stelle tappt sie dabei in jene Klischeefalle, die sich mit dem fotografischen Sujet „Reeperbahn“ fast zwangsläufig aufdrängt. Der Wandel, den der Kiez durchläuft, spiegelt sich überall in den Arbeiten der Fotografin.

Am Anfang lässt Antonia Zennaro den Betrachter auf das vom Kunstlicht rot eingefärbte Straßenpflaster blicken. Es handelt sich um einen Abschnitt der Großen Freiheit. Am Wochenende ist dieser mit Hundertschaften von Amüsierwilligen bevölkert. Jetzt zeigt er sich menschenleer und öd. Ein Boulevard of Broken Dreams. Einst gab es hier das Salambo, das Colibri, das Regina, das Safari. Berühmt-berüchtigte Sex-Cabarets, die Striptease und Geschlechtsakte in erfindungsreichen Inszenierungen darboten. Die meisten dieser Clubs sind inzwischen geschlossen. Allein das Safari hält sich noch. Antonia Zennaros Buch gibt dem Leser eine stringente Dramaturgie vor. Die Fotografin, die über mehrere Jahre immer wieder den Kiez aufgesucht hat, erzählt darin Geschichten über diejenigen, die ihre Geschichten erzählen. Und sie resümiert schließlich: „Die schönen Geschichten waren schnell erzählt…ich habe viele versteckte Tränen gesehen.“ Der Betrachter begegnet in ihren mal schwarzweißen, meist jedoch düster-farbigen Porträts unterschiedlichen Protagonisten des Rotlichtbezirks. Da ist etwa Peter, der Türsteher, Griselda, Sängerin und Tänzerin, Jeff, der früher an der Pariser Staatsoper war und heute Shows im Safari inszeniert. Man sieht einen ziemlich aus der Form geratenen Pierre, der einst mit seiner Frau eine Biene-Maja-Sex-Performance bestritt und jetzt hinter den Kulissen als Hausmeister fungiert. Einmal wird ein kurzer Blick auf die Bühne des Safari gestattet. Die vorderen Reihen sind besetzt, doch der Vorhang bleibt geschlossen. Das ist typisch für das Buch. Wer sich mehr Voyeurismus erhofft, wird enttäuscht. Zur Sache geht es in Zennaros Serie in aller Regel nicht. Als Betrachter wird man vor allem backstage mitgenommen, dort, wo die täglichen Routine-Vorbereitungen für die Sexillusionsshows stattfinden. Noch schnell die Haare föhnen, den Körper stretchen, Kostüme anprobieren. Dinge, die man eben macht, bevor man auf der Bühne tanzt oder Live-Kopulationen vorführt. So komisch es ist: die Nacktheit, die uns hier im Hinterzimmer begegnet, wirkt überaus keusch und verletzlich. Es ist eine Nacktheit, die man nicht bemerkt, weil man den Akteuren direkt in die Augen schauen muss. Deren Blicke wirken so stumpf wie der PVC, der in den Ankleidegarderoben ausliegt. Von den Wänden blättert die Farbe. Die Räumlichkeiten haben bessere Zeiten gesehen, die Akteure von ebensolchen geträumt. Einmal zeigt Antonia Zennaro nichts weiter als eine Hand, die einen Schalter drückt. Das wirkt so unerbittlich wie illusionslos. Der Letzte macht das Licht aus.

Zum Silbersack

Unerbittlichkeit ist auch das vorherrschende Gefühl, das den Betrachter im weiteren Verlauf des Buches erfasst. Antonia Zennaro zeigt eine weitere „Rückseite“ der Illusionsmaschine Reeperbahn. Das Hotel Luxor, der Silbersack, das Café Keese sind Institutionen des Kiezes, die ums Überleben kämpfen, ihre ursprüngliche Bestimmung längst aufgeben mussten oder ganz geschlossen haben. Antonia Zennaro mischt deren Außenansichten mit Porträts jener Protagonisten, die einst das Geschehen auf dem Kiez mitgeprägt und von ihm profitiert haben, nun aber verarmt an dessen Rand leben. Das Hotel Hongkong, auch ein legendäres Relikt einer Zeit, als es tatsächlich noch ein Chinesenviertel auf dem Kiez gab, ist ein Asyl für Kiezleute, die sich die Mieten der sanierten Wohnungen nicht mehr leisten können. Paul lässt die Hose runter, um seine Tattoos zu zeigen. Udo erzählt von seiner großen Einsamkeit, nachdem sein Vater vor kurzem gestorben ist. Max verließ einst Hamburg. Die Sehnsucht packte ihn in Hannover und er stieg in den nächsten Zug, um zurückzufahren. Paul hat sein ganzes Geld in die Kneipe „Zum gemütlichen Keller“ gesteckt, die es schon lange nicht mehr gibt.

Sigi und Daisy

Die Erinnerungen der unglücklichen, einsamen, aus der Gegenwart gefallenen Porträtierten sind im Gegensatz zu der Feststellung im Waits-Song lang (und der Leser erfährt von den unterschiedlichen Geschichten in einem Anhang). Die Fotografin beschreibt es lakonisch: „Meistens saß ich einfach nur da, hörte zu und trank mit.“ Doch es sind keine süßen Anekdoten, die von einer Vergangenheitsseligkeit durchwoben werden. Die Geschichten derjenigen, die an der Theke sitzen und billigen Schnaps konsumieren, sind von bleischwerer Melancholie und leiser Bitterkeit durchtränkt. Zusammen trinken und reden ist die eine Sache. Man kann sich aber nur zu gut vorstellen, wie schwierig es gewesen sein muss, die Leute schließlich vor die Kamera zu kriegen. Die Fotografin hat fast ausschließlich mit einer Großformatkamera gearbeitet. Am Ende gelingt es ihr fast immer, dass sich die Leute öffnen. Den Ritterschlag erhält sie, als sie einige von ihnen zuhause besuchen darf, um sie in ihren Kammern zu porträtieren. Das sehr schön gestaltete Buch, für das die Fotografin mit sicherer Hand eine präzise Auswahl vorgenommen hat, zeigt  zugleich das Trotzige und Verlorene, das die Außenseiter beherrscht. Da ist  Barbara, die früher im Hotel Luxor arbeitete und nach eigenem Bekunden nur die schönsten Männer nahm. Oder Lisa, einst Tänzerin und Animierdame im Cafe Keese, der heute nur anzumerken bleibt: „Früher waren wir mal wer, aber das ist schon lange her.“ (Peter Lindhorst)

Barbara

Antonia Zennaro. Reeperbahn. Prestel Verlag. München 2013. ISBN 978-3-7913-4829-2. 140 S. mit 60 überw. farb. Fototaf., geb. 39,95 €

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