Gegen alle Hindernisse.
Ein Gespräch mit Pepa Hristova zur Entstehung ihres Buches “Sworn Virgins”.

Zwei Jahre sind vergangen, seit der erste Dummy entstand. Jetzt endlich soll das Buch „Sworn Virgins“ erscheinen. Ein überaus steiniger Weg liegt hinter der Fotografin Pepa Hristova. Viele Schwierigkeiten und Probleme hat sie meistern müssen, immer wieder Gespräche geführt, neue Entscheidungen getroffen und Korrekturen vorgenommen.
Gerade ist der Blindband gekommen, als wir uns unterhalten wollen. Die Fotografin ist nervös, denn dieser funktioniert noch nicht richtig. Es gibt Schwierigkeiten mit zwei unterschiedlichen Papierformaten. So können Druckstellen durch das Beschneiden entstehen. Was heißt das in seiner Konsequenz? Noch einmal eine neue Lösung finden? Noch einmal Geld reinstecken? Und führt das jetzt zu einer erneuten Verzögerung? Pepa Hristova ist eine Fotografin, die zweifelsohne hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Egal, ob in ihrer fotografischen Arbeit oder in der Verwertung derselben. Eine standardisierte Buchproduktion käme für sie wahrscheinlich nicht in Frage. Zumindest war das nie ihre Absicht für ihre „Sworn Virgins“, eine Serie, die eine besondere Konzeption benötigt. Das verlangt viel Kreativität und birgt ebenso zahlreiche Stolperfallen.

Buchcover “Sworn Virgins”

Photonews/Peter Lindhorst: Bist Du froh, dass das Buch in absehbarer Zeit erscheint?

Pepa Hristova: Absolut, auch wenn ich im Moment erst einmal ziemlich erschöpft bin. Ich hoffe, dass nun die Phase eingeläutet ist, wo alles zu einem Ende kommt. Jetzt muss kurzfristig eine technische Lösung gefunden werden, damit die beiden Papierformate sich gut zusammenfügen und keine Druckstellen entstehen. Noch einmal werde ich mich dazu mit meinem Designer SYB beraten. Immer wieder gibt es völlig unerwartete Probleme wie diese, die behoben werden müssen. Das ständige Anpassen, Absprachen mit dem Designer, dem Verleger, dem Produktionsleiter, dem Herausgeber usw., auf der anderen Seite derzeit die ganzen technischen Fragen, die drängend sind: die genaue Papierkombination, die Lackierung, die Oberfläche des Covers, die entsprechende Umwandlung und Anpassung der Daten, das Proofen, die erneuten Farbkorrekturen (nachdem man die Bilddateien Monate lang bearbeitet hat und diese am liebsten nicht noch ein weiteres Mal aufmachen möchte). Eigentlich wäre es besser, man hätte ein paar Wochen Zeit, wäre vor Ort und könnte alle Entscheidungen unmittelbar treffen und so zügige Ergebnisse erzielen. Das alles immer im Mailverkehr zu lösen, ist ziemlich enervierend. Ich mache das Buch bei Kehrer. Vor einigen Jahren erzählte Jessica Backhaus bei einer Buchpräsentation, dass sie dort drei Wochen vor Ort war, viele Entscheidungen bei der Buchproduktion mitgetroffen hat und sich insgesamt sehr gut aufgehoben fühlte.

Wie bist Du denn bei Kehrer gelandet?

Mir gefiel sehr, wie offen Klaus Kehrer war bei unserer ersten Begegnung. Er war vor allem einverstanden, ein experimentelles, unkonventionelles Buch mit mir zu machen und das hat mich sofort überzeugt.

Hast Du im Vorfeld auch mit anderen Verlagen gesprochen?

Ich war mit verschiedenen Verlagen im Gespräch, u.a. mit Hatje Cantz und Peperoni. Hannes Wanderer von Peperoni hatte ich einmal in einem Vortrag gehört. Da hat mir sehr imponiert, wie er sich über das Büchermachen geäußert hat. Meine Freundin Irina Ruppert hatte zudem gerade mit ihm ein Buch gemacht und mir über ihre Erfahrungen berichtet. Ich dachte, ich schaue bei ihm mal vorbei. Ich hab zu dem Zeitpunkt allerdings schon mit dem Gedanken gespielt, mit dem Buchdesigner Sybren Kuiper zusammenzuarbeiten, was Hannes Wanderer nicht so gut gefallen hätte. Er ist ja selbst jemand, der Bücher gestaltet und er warnte mich davor, aus meiner Arbeit zu sehr ein Designbuch zu machen. Aber meine Entscheidung für Kehrer fiel eben deswegen, weil ich ein sehr gutes Anfangsgespräch mit dem Verleger hatte, in dem dieser zu erkennen gab, dass er auch an Folgeprojekten interessiert sei und gerne langfristig mit mir arbeiten wolle. Das war ausschlaggebend.

Musstest Du irgendwelche Vorleistungen bei Kehrer erbringen?

Wir haben offen über die Finanzierung gesprochen. Ich hab zugesichert, bestimmte Kosten durch einen Editionen-Verkauf zu kompensieren. Vorher hatte ich schon ein Museum gesucht, das eine Abnahmegarantie von Büchern übernehmen wollte. Mir war bis da allerdings völlig unklar, wie eine Produktionskalkulation funktioniert. Was kostet letztendlich ein Fotobuch? Der Umfang, die Größe, das Papier, die Wahl des Umschlags – all diese Komponenten bestimmen den Preis. Als jemand, der sich nicht auskannte, konnte ich anfangs nicht erkennen, dass alles ziemlich eng kalkuliert war. Wenn man mal genauer schaut: Mittlerweile gibt es ja Wettbewerbe, bei denen man eine ganze Buchproduktion gewinnen kann. Das hört sich sehr attraktiv an, beinhaltet aber oft nur eine ganz starre, standardisierte Produktion. Alles ist schon festgelegt. Wenn du von diesem Standard abweichst und irgendeinen Extrawunsch hast, wird es sofort viel teurer. Es ist wie beim Autokauf. Wenn du irgendwelche Sonderausstattungen willst, geht der Preis richtig in die Höhe. Und bei meinem Buch sind es zwei Papierformate, eine Mischung aus gestrichenen und ungestrichenen Papieren, 5 Aufklappseiten, partielle Bilderlackierung und eine Prägung auf einem rauen Coverpapier.

Albanien 2008

Pepa Hristova hat ihre Arbeit „Sworn Virgins“ schon 2010 abgeschlossen. Dabei handelt es sich um eine intensive Porträtserie über die letzten Mann-Frauen Europas, die sie in den Gebirgsdörfern im Norden Albaniens aufgespürt hat. Dieses Phänomen reicht auf eine Gesetzgebung des Mittelalters zurück. Jene legitimierte Familien, die ihr männliches Oberhaupt verloren haben, ersatzweise eine Frau aus der Verwandtschaft einzusetzen. Dazu mussten die ausgewählten Frauen einen Schwur zur ewigen Jungfräulichkeit ablegen. Heute gibt es nicht mehr viele dieser Mann-Frauen. Die, die übrig geblieben sind, gehen voll in der Rolle eines Mannes auf, in dem sie sich genau wie diese verhalten, sich so kleiden, harte Arbeit leisten und als Versorger der Familie fungieren. Umgekehrt werden die Mann-Frauen in ihrer Rolle allgemein gesellschaftlich akzeptiert. Als Frauen werden sie gar nicht mehr wahrgenommen, was einem auch als Betrachter so geht. Die Besonderheit dieser Gruppe bildet einerseits eine interessante Grundlage für anthropologische Forschungen und ist zugleich die geeignete Matrix für jeden Diskurs über Gender Studies, der Geschlecht als rein soziale Konstruktion definiert.

Mit ihrer eindrucksvollen Farbserie, die aus Porträts, Landschaften und Archivfotos besteht, hat die in Hamburg lebende Fotografin mehrere Preise eingeheimst, Teile davon wurden bereits ausgestellt, die Arbeit ist in verschiedenen Magazinen abgedruckt worden. Irgendwann weckte es Begehrlichkeiten in ihr, daraus ein Buch zu machen. Wie sie erzählt, hat sie anfangs mit verschiedenen Graphikern zusammengearbeitet. Die Dummys, die entstanden, entsprachen jedoch nicht ihren Vorstellungen. Eine Herausforderung bestand darin, eine richtige Balance aus den Porträts und den Archivporträts zu kreieren.

Wie bist Du denn auf SYB gekommen?

Er ist ein Buchdesigner, der viel Erfahrung hat und sehr gut mit Archivbildern umgehen kann, wie er schon bewiesen hat. Ich hab mir erst einmal einige Bücher von ihm angeschaut. Das erste Buch, das ich von ihm sah, war „Flamboya“ von Viviane Sassen. Da ist mir aufgefallen, wie er Bilder behandelt und wie deren Inhalte durch das Design unterstützt wird. Ich war neugierig, was er mit dem heterogenen Material machen würde.

Hattest Du irgendeine Vorstellung, was das kosten würde?

Mir war klar, dass SYB nicht billig sein wird. Er ist ein gefragter Designer und meist mit mehreren Buchprojekten gleichzeitig beschäftigt. Ich war unsicher, ob ich den üblichen Preis bezahlen könnte. Ich hab wirklich gehofft, ihn für die Geschichte zu begeistern und dass er mir etwas entgegenkommt, was er am Ende auch gemacht hat.

Sahst Du die Gefahr, dass er Deiner Arbeit zu sehr sein Design aufdrücken könnte?

Ich hatte überhaupt keine Angst, dass er meine Arbeit zu einem überdesignten Buch macht. Ich verlasse mich auf meine eigene Wahrnehmung und kann auf Kenntnisse aus meinem eigenen Kommunikationsdesignstudium zurückblicken, die mich davor schützen. Ich mag keine überdesignten Bücher, die zu viel wollen. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass man keinen Austausch hat und sich nur der Idee des Designers fügt. SYB hat mir gleich gesagt, das es immer Diskussionen mit seinen Künstlern gegeben habe. Er hat das Buch mit einem Baby verglichen, und ihm ist völlig klar, dass man als Künstler nur das Beste für sein Baby herausholen will.

Wie bist Du auf ihn aufmerksam geworden?

Also, ich hab mehrere Dummies gemacht. Mit einem habe ich mich bei den Hamburger Fotobuchtagen beworben, bei der man eine Buchproduktion gewinnen konnte. Dort bin ich auf den zweiten Platz gekommen, der Gewinn war ein digitales Buch. Gleichzeitig las ich ein Interview mit SYB in der PHOTONEWS, in dem dieser sagte, einen nächsten Schritt, den er gerne tätigen wolle, sei die digitale Aufbereitung eines Buches. Das war eigentlich für mich der ausschlaggegebende Grund, ihn anzuschreiben. Ich war zögerlich, aber es war wiederum meine Freundin Irina, die mich bestärkte, es auszuprobieren.

Rahime

Und wie war dann der erste Kontakt?

Er hat sich erst mal überhaupt nicht gemeldet. Ich dachte: Okay, der ist wohl zu bekannt und zu beschäftigt. Irgendwann habe ich ihn noch einmal angeschrieben. Und siehe da, er hat mir sofort geantwortet und war vorher einfach durch Projekte und Familie zu sehr beschäftigt gewesen.

Ich wollte dann ziemlich schnell mit ihm über den Preis reden, obwohl es mir voll unangenehm war. Ihm lag es aber auch am Herzen, das zu klären. Er erzählte mir, dass er mit Künstlern Bücher gemacht habe, die dann Preise gewonnen haben, und er habe nie einen einzigen Cent gesehen. Eigentlich hatte ich ihn ja wegen des Digitalbuchs angeschrieben, aber dann haben wir gleich über die Gestaltung eines richtigen Buches gesprochen.

War die digitale Version somit für Dich gestorben?

Das Buch bei Andreas Magdanz war schon angekündigt, aber mir ging das alles zu schnell. Und mein Verleger riet mir, dass ich mich erst einmal auf das konventionelle Buch konzentrieren soll. Bietet man ein Buch als günstige App an, dann wird es möglicherweise schwer, mit dem Papierbuch hinterher zu kommen. Ich hab das digitale Buch aber noch nicht abgeschrieben. Mal sehen, vielleicht irgendwann…

Berichte mal über die Zusammenarbeit mit SYB. Bist Du zu ihm direkt hingefahren?

Nein, erst einmal habe ich Dateien geschickt, meine ersten Zusammenstellungen, die beiden Dummies. Aber er hat sich das Material nur grob angeschaut. Die anderen Entwürfe haben ihn kaum interessiert. Nachdem wir mehrmals gemailt haben, bin ich zu ihm nach Den Haag gereist. Ihm war es vor allem wichtig, mich kennenzulernen. Er sagte mir später mal, er wolle spüren, wie ich über das Thema denke und es präsentiere. Das war auch die Gelegenheit, ihm richtige Prints in die Hand zu drücken.

Wir haben uns im Cafe getroffen, das er als „sein Büro“ vorstellte. Beim ersten Mal wollte er mich gar nicht so gerne in sein Studio lassen. Aber es hat sich schnell eine Arbeitsenergie zwischen uns entwickelt. Ich hab ihm also von meinen Ideen erzählt und wollte ihm dann die Materialien da lassen. Ihm ging es aber viel mehr um das persönliche Zusammentreffen, denn schließlich reichten ihm die digitalen Daten.

Vor einiger Zeit hat er übrigens mal eine Anfrage von einem Museum erhalten, welches eine Ausstellung mit besonderen Dummies machen wollte. SYB konnte ihn gar keines liefern, deshalb, weil er kein einziges besitzt. Er gestaltet ausschließlich am Bildschirm. Ich habe ihn nur insofern als „Handwerker“ kennengelernt, das er z.B. viele Papiermuster besitzt, aber er baut eben keine Dummies zusammen. Übrigens sammelt er auch keine Bücher oder schaut sich ständig andere an. Vielleicht hat er Bedenken, sich zu sehr beeinflussen zu lassen.

Ist SYB jemand, der über Produktionskosten nachdenkt, wenn er etwas konzipiert?

Wir haben frei gestaltet. Ich fragte ihn manchmal vorsichtig, was eine bestimmte Komponente wohl kosten möge. Und er reagierte dann erstaunt: Wenn wir jetzt schon über Preise reden, na dann…Das gefiel mir als Aussage sehr. Erst mal machten wir uns frei von ökonomischen Erwägungen und schauten, ob etwas funktioniert. Das ist der Unterschied. Ich hätte die ganze Gestaltung von einem Graphikdesigner bei Kehrer vornehmen lassen können. Da wäre definitiv der Einwand gekommen, dass man aus Kostengründen bestimmte Dinge nicht machen könne. Ich wäre gebremst worden bzw. hätte die Vielfalt der Möglichkeiten gar nicht erkannt, weil sie mir niemand aufgezeigt hätte.

Ich hab SYB gewählt, denn mir war immer klar, dass ich mich in dieser Bücherflut, die heute über uns ergeht, absetzen möchte, in dem ich ein besonderes Produkt erschaffe. Mit zunehmender Beschäftigung mit dem Buchprojekt wurde ich sensibilisiert. Schließlich entwickelt ich mich also zu jemandem, der absolut Wert darauf legt, was für ein Papier man beispielsweise nimmt. Oder welchen Umschlag man auswählt, was dann wiederum viel Diskussionsstoff nach sich zieht. Wann man SYB engagiert, hat man einen Experten, der all diese Überlegungen einschließt. Nur mal ein Beispiel: Die Landschaft Albaniens ist rau, dann muss man eventuell auch ein raueres Papier nehmen. Was ich aber auch gelernt habe: Es muss nicht die teuerste Variante sein. Wenn ein billiges Papier zum Inhalt passt, dann ist das genau richtig.

Kam sein Entwurf schnell zurück?

Das war gar nicht so dringend in dem Moment. Zwar war das Buch schon in der Kehrer- Ankündigung, aber ich wollte ihm Zeit geben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich auch noch keinen Text eines Autors. Meine Vorstellung war, dass nach unserem Treffen ein gemeinsamer Entstehungsprozess und Austausch in Gang kommt. Ein paar Monate später hat er mir dann seinen ersten Entwurf geschickt. Als der ankam, war ich sehr nervös. Ich habe ihn geöffnet und sofort gemocht. Es war was völlig Neues, ein anderer Blick auf meine Arbeit. Ich hatte –wie gesagt- vorher schon Zusammenstellungen von anderen Designern vornehmen lassen und musste erkennen, dass mich die Lösungen für die Bildzusammenstellung längerfristig  nicht befriedigten. Nur mal ein kleines Beispiel:  Jeder hätte wahrscheinlich die Landschaften zwischen die einzelnen Porträts gemischt. SYB hat alle Landschaften nach vorne gesetzt, um damit erst einmal eine bestimmte Atmosphäre zur Einstimmung zu kreieren.

Albanien 2010

Also warst Du zufrieden?

Es gab auch Dinge, die ich nicht so glücklich fand. Keinesfalls wollte ich aber sofort Kritik äußern, da ich wusste, dass es grundsätzlich in die richtige Richtung geht. Z.B. wäre mir lieber gewesen, dass die verschiedenen Mannfrauen-Serien nicht auseinandergerissen werden. Ich fand auch, dass die Serien mit den biographischen Archivbildern noch nicht passten. Was tun? Trennen und an das Ende setzen? Wir haben die Bilder mal gemischt, mal separiert. Ich spürte aber, irgendwas stimmte nicht. Die unterschiedlichen Größen meiner Porträts und der Archivbilder ließen sich nur schlecht zusammenfassen. Wir mailten hin und her, und ich merkte schließlich, dass SYB seinen Entwurf gar nicht so gerne verändern wollte, weil er von diesem voll überzeugt war.

Somit befand ich mich im Dilemma. Wir hatten manchmal einen ziemlich kontroversen Emailverkehr. Am Ende war sogar einmal der Punkt, wo ich kurzfristig überlegte, ob ich einen neuen Designer fragen muss.

Aber als unser Projekt völlig zum Stillstand kam und ich verzweifelt war, bat er mich, noch einmal zu kommen. Er erklärte mir, dass es bei seinen anderen Büchern auch immer wieder Streitpunkte zwischen Fotografen und ihm gegeben habe. Und erst der dritte, vierte Neuversuch habe dann für beide Seiten zur Zufriedenheit funktioniert.

Bei einem erneuten Besuch hab ich alle meine Kritikpunkte genannt, aber es gab keine Lösung, denn  SYB fühlte sich ziemlich blockiert. Ich sah schon ziemlich schwarz. Irgendwann hat er eine Pause eingefordert, ist allein in seinem Studio geblieben und hat sich noch einmal an das Buch gesetzt.  Ich kam dann wenig später dazu und er stellte mir eine überarbeitete Version vor, die die Idee mit den Booklets beinhaltete. Und da wusste ich: das ist es exakt! Irgendwie war dies der entscheidende Schub. Das Grundmuster war jetzt stimmig, wir haben über Ausschnitte diskutiert, über den Rhythmus, über kleine Dinge. Wir haben uns zusammengerissen und dann sehr intensiv fast 2 Monate daran gearbeitet. Mir wurde da erst bewusst, wie viel Zeit das Design braucht.

Ich bin gespannt, denn die Fotografin führt mir das Buch als PDF vor. Obwohl ich die Arbeit gut kenne, bin ich überrascht darüber, wie anders der Blick des Betrachters auf eine Geschichte gelenkt wird. Das Buch umfasst 130 Seiten und birgt eine Reihe interessanter Einfälle. Mehrere ausklappbare Seiten dienen dazu, Sequenzen zu präsentieren. In dem Buch befinden sich 13 (!) kleine, mehrseitige Booklets, die Archivfotos der jeweiligen Mannfrau bieten. Das Buch beinhaltet zwei verschiedene Papiere und Seitenformate. Die Platzierung der Texte ist raffiniert vorgenommen, die Typographie angenehm zurückhaltend. Es ist festzustellen: unverkennbar handelt es sich hier um die Handschrift von SYB. Aber es sind keineswegs Effekte, die er benutzt, um ein Buch besser aussehen zu lassen. Die Mittel, die er einsetzt, sind genau kalkuliert, ordnen sich dem Inhalt unter und verzahnen die verschiedenen inhaltlichen Ebenen auf  ideale Weise miteinander. Natürlich wird es etwas anderes sein, das Buch in den Händen zu halten, doch der erste Eindruck: eine eindrucksvoll umgesetzte Arbeit!

Wer hat jetzt eigentlich das Design bezahlt? Gab es Unterstützung dafür aus dem Verlag?

Ich hatte, bevor ich überhaupt wusste, was SYB nimmt, mit Klaus Kehrer gesprochen, und dieser hat mir gesagt, was sie für Design einplanen. Wenn SYB es zu einem ähnlichen Preis machen würde, dann könnte der Verlag es übernehmen. Letztendlich habe ich jetzt alles selbst bezahlt, aber Kehrer hat eine Reihe anderer Kosten aus Kulanzgründen übernommen. Die Produktion mit den vielen Extras unterstütze ich eben auch damit, dass ich die erwähnte Sonderedition anbiete. Das Buch plus 2 Prints auf Pigmentpapier. Bisher hab ich da eine sehr gute Resonanz darauf erhalten.

Qamile

Welche Texte hast Du Dir für das Buch vorgestellt ?

Ich hab überlegt, mit wem ich –analog zu SYB- zusammen etwas entwickeln könnte. Auf  keinen Fall  sollte es einen schwer verdaulichen wissenschaftlichen Text dazu geben. Das hätte zu der Intention der Arbeit und des Buches überhaupt nicht gepasst. Dann habe ich an Sophia Greiff gedacht, die ich gut kenne und deren Texte ich sehr schätze. Wir haben darüber gesprochen und irgendwann war klar, dass sie es macht. Damit sie aber einen Einblick bekommt, wollten wir zusammen für MARE zu einer Mannfrau fahren, die als Fischer arbeitet. Es ist leider geplatzt, weil die Serie schon im Stern und anderen Magazinen publiziert war. Ich hab die Serie verkauft, um meine weitere Arbeit damit finanzieren zu können.

Meine Verabredung mit Sophia war, dass sie experimentieren bzw. frei assoziieren solle, dass sie eben keinen kunsthistorischen Text schreibt und auch keine Reportage erfindet, sondern etwas Abstrakteres kreiert, indem sie mein Empfindungen und Erzählungen literarisch umsetzt. Sie hat dazu meine ganzen Materialien bekommen, Filme, Aufzeichnungen, Gesprächsprotokolle. Es war  etwas Neues und eine Herausforderung für sie, diese Materialien poetisch umzuformen. Sophia hat viel Zeit dafür aufgewandt. Ich hab sie immer voll integriert in meine Entscheidungen und auch beim Design habe ich häufig Rücksprache mit ihr gehalten. Mir war klar, dass das Einfluss auf ihr Schreiben haben würde. Es schien mir  wichtig, dass die Texte als  eigene Einheit funktionieren. Das ist sehr gut gelungen. Ihre poetischen Reflexionen wurden den Bildteilen zugeordnet. Letztendlich machen die Texte die Bilder noch emotionaler.

Es gibt noch einen zweiten Autor. Mein Freund Danail Yankov, der mich auf meinen Reisen begleitet und gefilmt hat. Vor kurzem hat er einen Text über eine neue Arbeit von mir geschrieben, die Babyaufbewahrungsheime in Bulgarien. Der gefiel mir sehr und ich bat ihn daraufhin, die Begegnungen mit den Mannfrauen zu beschreiben. Das ist amüsant zu lesen, man erfährt viel und es ist eine ideale Ergänzung zu Sophias Texten. Seine Texte erscheinen in einem Anhang. Ich hab  dadurch eine dokumentarische und eine poetische Ebene drin. So wie letztendlich meine Arbeit ist, wird dies auch in den Textgenres gespiegelt.

 Sind Texte grundsätzlich wichtig für Dich?

Einen Text zum Buch zu entwickeln, der nicht nur deskriptiv ist, finde ich schwierig und gleichermaßen wichtig. In meiner Lehrtätigkeit an der HAW  habe ich einmal eine Aufgabe zum Thema „Bild und Text“ gestellt. Wir haben dort ganz verschiedene Beispiele durchgenommen. Etwa Todd Hido. In einem seiner Bücher gibt es ein kleines poetisches Stück, was keine direkte inhaltliche Verbindung zu den Bildern hat. Es hat mich von der Stimmung her so gepackt, dass ich fast Tränen in den Augen gehabt habe. Fred Hüning ist auch ein gutes Beispiel. Er hat auch kleine Texte, die er seinen Bilderserien beigefügt hat, und die mich in eine bestimmte emotionale Verfassung bringen.

Schließlich sollte auch noch ein Text Deines Herausgebers hinzukommen?

Dazu muss man wissen: Vor zwei Jahren nahm ich einer Gruppenausstellung im Kunstmuseum im „Kloster unser lieben Frauen“ in Magdeburg teil. Das ist ein mittelalterliches Kloster, aufwendig saniert, mit Glaskonstruktionen. Das gefiel mir sehr gut und ich hab, als ich das Buch machen wollte, sofort daran gedacht, mit dem Museum zu kooperieren. Also habe ich den Kurator angefragt. Der Zufall wollte es, dass er gerade meine Bilder im NRW-Kunstforum Düsseldorf gesehen hat. Wir haben uns ziemlich schnell über eine Ausstellung geeinigt und verabredeten, dass das Museum eben eine bestimmte Zahl von Ausstellungsbüchern abnimmt. Im Gegenzug sollte dann das Museum als Herausgeber fungieren können.

Geplant war, dass das Museum einen kleinen Text beisteuert. Ich hab an ein Grußwort oder ein knackiges Statement gedacht, möglicherweise in Form eines Beilegers. Das war zu einem Zeitpunkt, als das Design gerade entstand und es noch völlig unklar war, an welcher Stelle der Text untergebracht werden kann.

Als Erscheinungstermin für mein Buch war ursprünglich der November letzten Jahres zu Paris Photo vorgesehen, aber dann formulierte das Museum den Wunsch, dass das Buch genau zur Ausstellungseröffnung im Februar dieses Jahres erscheinen solle. Ich hab zugestimmt, die Verzögerung musste ich halt in Kauf nehmen. In diesen Monaten kam aber nie ein Text und es gab kein Gespräch, in dem wir uns abgestimmt haben. Und dann erhielt ich kurz vor dem Druck einen überlangen Text, der überhaupt nicht passte, weil er den Inhalt des Buches mehr oder weniger beschrieb.

Wie hast Du darauf reagiert?

Das war noch nicht alles. Es kamen Forderungen vom Herausgeber, dass ich inhaltliche Veränderungen vornehmen solle, z.B. die Indexbeschreibungen sollten gestrichen werden, ebenso Klappseiten, das Format sollte kleiner werden. Klaus Kehrer hatte mit der Museumsdirektorin diese Korrekturen beschlossen und ich kriegte  in einem Mail mitgeteilt, dass dieser Entwurf realistischer sei. Plötzlich sprachen die beiden von einem anderen Buch. Wie kann das Museum, das im Verhältnis zu den Gesamtkosten einen eher kleinen Zuschuss zugibt, einen derartigen Einfluss nehmen?

SYB und ich haben Monate an dem Buch gearbeitet und plötzlich fühlte ich mich nicht mehr ernst genommen durch den Fakt, dass alles gestrichen wird und das Konzept zusammenbricht. Das Museum hat mich dann vor die Alternative gestellt: ihr Text muss rein oder sie springen als Herausgeber ab. Ich war konsterniert, auch deswegen, weil ich so viel Zeit verloren habe. Zunächst wollte ich die Ausstellung nicht machen. Mittlerweile haben wir uns wieder angenähert. Das Land Sachsen-Anhalt hat davor einen Ankauf meiner Bilder getätigt, die in der Sammlung verbleiben. Das Geld dafür habe ich in die Produktion einer großen Ausstellung gesteckt. Zu dem Zeitpunkt waren die Vorbereitungen in vollem Gange und ich zeige jetzt dort mehr als die angekauften Bilder. Letztendlich wollte ich die Ausstellung gut über die Bühne kriegen. Aber in mein Buch möchte ich mir definitiv nicht reinreden lassen und habe die Notbremse gezogen.

Osmani

Du musstest plötzlich auf ein fest eingerechnetes Budget verzichten?

Als ich unsere Zusammenarbeit aufgekündigt habe, stand ich ohne Herausgeber da. Daraufhin kontaktierte ich F.C. Gundlach,  zu dem ich ein gutes Verhältnis habe und den ich  allgemein um Rat fragen wollte. Herr  Gundlach ist jemand, der meine Arbeit schon länger begleitet. 2009 habe ich die ersten Bilder in der Akademie der Künste in Berlin ausgestellt und er hat die Serie  gekauft. Das hat mich damals sehr gefreut, weil die Bilder bei ihm gut aufgehoben sind. Als ich nun bei ihm war  und das ausgearbeitete Layout präsentierte, war er sofort überzeugt, dass genau diese Extras, die gestrichen werden sollten, unerlässlich für das Buch seien. Ich war glücklich, einem Gesprächspartner gegenüber zu sitzen, der die gleichen Auffassungen vertrat. Ich hab alle Karten auf den Tisch gelegt, was die Produktionskosten betrifft, und F.C. Gundlach hat spontan entschieden, selbst als Herausgeber einzuspringen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Er schreibt nur einen kleinen Grußtext, hat aber keine weiteren Bedingungen gestellt.

War Dir eigentlich von vorneherein klar, dass Deine Serie irgendwann als Buch erscheinen soll?

Mir war immer eine Ausstellung wichtiger als ein Buch. Ich hab erst spät gemerkt, welche Möglichkeiten ein Buch birgt. Vielleicht bin ich deshalb jetzt so von dem Gedanken besessen, dass ich das Bestmögliche herausholen will. Im Idealfall schaffe ich so eine Form, die auch über einen längeren Zeitraum Bestand hat. Das ist mit viel Nachdenken verbunden. Mit einer Ausstellung verhält es sich ähnlich. Ich finde es spannend, mich mit großen Formaten und Räumlichkeiten auseinanderzusetzen. Aber jetzt merke ich, dass diese ganze Gedankenarbeit auch in einem Buch umgesetzt werden kann.

Hast Du nach dieser intensiven „Gedankenarbeit“ erst einmal genug von der Buchproduktion?

Nein, ich glaube, ich werde nicht ohne das Büchermachen auskommen können. Jetzt habe ich erst einmal sehr viel gelernt und bin abgehärtet. Die geeigneten Texte finden, das passende Design schaffen, die richtige Entscheidung treffen, ich glaube, es wird immer wieder Hindernisse geben, die man überwinden muss.

Ich  werde mit dem gleichen Einsatz am nächsten Buch arbeiten und ich suche nicht immer die einfachste Lösung. Manchmal scheint die Welt zusammenzubrechen, aber dann geht es doch weiter. Für mich sind die Erfahrungen dieses langen Entstehungszeitraums überaus wichtig, vielleicht ist das Endprodukt gar nicht mehr so bedeutend. Aber natürlich wäre ich froh, wenn das Buch etwas ist, was ich auch nach Jahren noch gerne zeigen mag.

Pepa Hristova. Sworn Virgins. Kehrer Verlag. Heidelberg 2013. ISBN 978-3-86828-347-1. 136 Seiten mit 13 Booklets, 138 Farb- und S/W-Abb., ca. 49,90 Euro. (Das Buch erscheint im April.)

Die SWORN VIRGINS Collectors Edition erscheint in einer Auflage: 50 + 5. Sie besteht aus dem Buch und zwei signierten Pigmentprints, ca. 22 x 26,5 cm . Sie kostet 128,- € (incl. Mwst., plus Versand). Der Preis gilt bis zum Erscheinen des Buches. Alle weiteren Infos unter: http://ostkreuz-store.de/editions/9

Weitere Infos zu Pepa Hristova unter: http://www.pepahristova.com

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>