Sandwolken explodieren. Körner umwirbeln nackte Körper. Mein Favorit der diesjährigen “Visual Leader” Ausstellung ist die Serie „Bedu“ des Amerikaners Jim Mangan. Sie ist der Abschluss einer Trilogie, die nach Aussagen ihres Schöpfers den Themenkomplex „Wiedergeburt“ behandelt. „Bedu“ ist eine sehr surreal anmutende Arbeit, in der es – wie in seinen beiden vorausgehenden Serien – um Naturverbundenheit, um Freiheit und Enthemmung geht. Nacktheit als archaische Grunderfahrung und Metapher der Lossagung von allen gesellschaftlichen Konventionen. Magnans Arbeiten wirken wie das süße Versprechen auf eine Utopie der Freiheit. Und dennoch ist sein Ansatz ein viel zurückhaltender als der eines Ryan McGinley, der mit ähnlichen Sujets arbeitet und bei dem die Lebenswelt seiner Protagonisten authentisch aussehen soll, dabei aber sehr kalkuliert rüberkommt. Weiterlesen
Joakim Eneroth. Swedish Red
Dunkelrot die Lettern auf dem Buchcover. Statt eines Einleitungstextes eine Kolonne mit Buchstaben-Zahlen-Kombinationen: S-1080R, S1080-Y90R, S-1085Y80R, S1575-R10B etc. Hierbei handelt es sich um Farbbezeichnungen eines standardisierten Referenzsystems, mit dem sich Rottöne definieren lassen. Etwa jene Rottöne schwedischer Holzhäuser.
„Faluröd“ heißt die meistgenutzte Dispersionsfarbe, mit der viele der Häuser in Schweden gestrichen werden. Sie besteht aus Eisenoxid-Pigmenten, die seit Jahrhunderten als Nebenprodukt des Kupferabbaus in der schwedischen Stadt Falun gewonnen werden. Ein einfach herzustellendes Naturprodukt mit dem Vorteil, einen äußerst beständigen Schutz gegen das oft nasskalte Wetter zu bilden. Kein Wunder also, dass das Rot der beherrschende Fassadenfarbton unserer Nachbarn im Norden ist. Als Betrachter blickt man entzückt auf die unterschiedlich rotgefärbten Fronten jener typischen Holzhäuser, die einem aus diversen Kinderbüchern, gemalten Szenen von Carl Larsson, Möbel-hauswerbung und ZDF-Filmschmonzetten nur allzu vertraut sind. So können die roten Außenwände als Projektionsfläche dienen, um unsere vagen Sehnsuchtsvorstellungen nach einem von Natur und Folklore geprägten Land bzw. einem intakten Wohlfahrtsstaat zu speisen. Weiterlesen
Rinko Kawauchi. Ametsuchi.
Rinko Kawauchi ist zu beneiden. Sie hat Träume, die sich von selbst zu verwirklichen scheinen. Bereits als Kind träumte sie davon, außergewöhnlich Bücher machen zu wollen. Das ist ihr jetzt wieder mal eindrucksvoll gelungen. Das Thema des neuen, wunderbaren Buches geht ebenfalls auf einen konkreten Traum zurück, den die japanische Fotografin vor langer Zeit hatte – einen mächtigen, unheimlichen Traum. Als sie ein halbes Jahr später vor dem Fernseher saß, erkannte sie dort ein Bild des Traumes wieder. Die Szene bestand aus Menschen und Pferden, die sich auf einer grünen Wiese vor einem großen Berg befanden – an einem Ort namens Aso. Die Fotos des neuen Buches sind, man ahnt es, in jenem Aso, einer Stadt im Süden Japans, aufgenommen. Das letzte Bild zeigt tatsächlich eine grüne Hügellandschaft, in der sich Menschen und Pferde befinden. Weiterlesen
Piergiorgio Casotti.
Sometimes I cannot smile.
Auf dem grauen Leineneinband blickt uns ein blutroter Beelzebub entgegen. Ein Dämon mit großem Schlund, der uns in die Hölle mitreißt, wenn wir das Buch aufschlagen. Elvira sagt: „Ich versuche, Spaß zu haben, aber manchmal kann ich nicht lachen.“ Und Upaluk Poppel vom „Inuit Circumpolar Youth Council“ wird zitiert: „Wenn die Bevölkerungen von Kanada, Dänemark oder den USA vergleichbare Selbstmordraten hätten, würde dort der innere Notstand ausgesprochen.“ Weiterlesen
Cristina De Middel. Self Publish, Be Happy Book Club Vol. III
Gerade angekommen – das neue titellose Buch von Cristina De Middel.
Drücken wir also auf den Knopf der Hypemaschine? Auf Amazon gibt es derzeit Exemplare von “Afronauts” für $ 3300,-. Jenes selbstpublizierte Buch über eine halb reale, halb fiktive Space-Geschichte, in der ein Lehrer aus Sambia sein eigenes Raumfahrtprogramm in den 60er Jahren zu initiieren versuchte und scheiterte. Sicher, ein sehr schönes Buch in 1000er Auflage ist daraus entstanden, mit kleinen Zugaben, etwa einem faksimilierten Zeitungsauschnitt, Skizzen etc. Dass “Afronauts” aber dennoch solch extreme Aufmerksamkeit generierte, war nie absehbar und hat selbst die Fotografin überrollt. Das Buch war rasend schnell ausverkauft war und wird zu exorbitanten Preisen im Netz gehandelt (s.o.), Cristina de Middel erhielt für ihre Serie u.a. eine Nominierung für den Deutsche Börse Photography Prize und gewann den ICP Infinity Award. Soeben ist das neue Buch der spanischen Fotografin bei „Self Publish Be Happy“ erschienen. Weiterlesen
Sarah Hildebrand. Verlassene Orte
Fast schon obligatorisch: die Erstellung einer Vorzugsausgabe, mit der Fotografen die eigentliche Buchproduktion subventionieren. Der Kreativität ist dabei keine Grenze gesetzt. Ein besonders schönes Beispiel ist die Edition von Sarah Hildebrand zu ihrem kürzlich erschienenen Buch „Verlassene Orte“, die ich gerade in der Buchhandlung für Photographie in Hamburg entdeckt habe. Weiterlesen
Marco van Duyvendijk & Xiaxiao Xu. Love Doll Factory
Die Form spiegelt den Inhalt. In Pergament eingewickelt, erreicht mich ein dünnes Büchlein aus den Niederlanden. Zugeklebt mit einem rosafarbigen PVC-Klebeband. Nimmt man das Buch heraus, hält man ein Softtouch-Cover in der Hand. Das ist eine Art Gummilaminierung, die für ein angenehmes Gefühl in der Hand sorgt. Auf dem Cover selbst ist ein abstraktes Knäuel aus merkwürdigen rosa Würmern abgebildet. Weiterlesen
Antonia Zennaro. Reeperbahn.
Udo Lindenberg singt: „Reeperbahn, du geile Meile.“ Und Tom Waits: “The memories are short but the tales are long when you’re in the Reeperbahn.” Immer noch ist die Reeperbahn ein mythisch aufgeladener Ort, an dem sich eine Vielzahl von Literaten, Musikern und –genau- Fotografen künstlerisch abarbeiten. So klingt mir just in diesem Moment ein Song der wunderbaren „Villagers“ entgegen, die von kleinen lustigen Fehlern im irdischen Design singen und ausgerechnet die Reeperbahn als Synonym benutzen. Weiterlesen
Fanpost 7
Heute eine Empfehlung von Damian Zimmermann – Fotograf, Journalist, Blogger. Seine lesenswerten Texte erscheinen u.a. regelmäßig in PHOTONEWS, Kölner Stadt-Anzeiger, taz sowie im eigenen Blog. Mit Nadine Preiß hat der Fotograf zuletzt das Großprojekt „Paare – Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ durchgeführt. Ein Jahr sind die beiden dazu in Deutschland umher gereist, um Paare abzulichten. Eine typologische Arbeit, die eine Hommage an eine in den 70er Jahren schon einmal initiierte Serie von Beate und Heinz Rose darstellt. Weitere Infos: www.damianzimmermann.de und www.paareprojekt.de
Michael Marten: Sea Change. A Tidal Journey Around Britain.
Gestalterisch ist „Sea Change“ nichts Besonderes: Das Standard-Hardcover ohne Schutzumschlag wirkt etwas lieblos, das weiße Vorsatzpapier ist eigentlich eine ideenlose Frechheit und das Layout mit den roten Himmelsrichtungsangaben scheint wie aus einer Schülerzeitung. Weiterlesen
Kenneth Gustavsson. The Magic Bar
Die Bar liegt gegenüber. Ich bin unschlüssig: Soll ich, soll ich nicht? Auch wenn ich nicht länger hier rumlungern will, irgendetwas hält mich. Da ist dieses merkwürdige Versprechen, das über der Tür prangt. Nicht das auf Alkohol, sondern jenes beschreibende Attribut im Namen, das meine Neugierde hervorruft: MAGIC. Düster und unwirklich ist die Fassade. Niemand, wirklich niemand, der rein oder raus geht. Die Scheiben gleichen mächtigen getönten Brillengläsern, die das Dahinter verbergen. Was einen dort erwartet? Ob all jene, die draußen nirgendwo anzutreffen sind, zusammen gepfercht an der Theke sitzen, Drinks nehmen, sich mit ihrem Nachbarn unterhalten, eben all jene Dinge tun, die man in Kneipen tut? Wenn die Fenster Augengläsern gleichen, dann ist der Eingang ein dunkler Schlund, der jeden schluckt, der sich ihm nähert. Ich kann nicht anders. Die Bar zieht mich magisch (!) an, ich überquere die Straße und dann bin ich drin.
Rena Effendi. Land ohne festen Boden
Mit seinem roten Kunststoffumschlag gaukelt das kleinformatige Buch irgendwas zwischen Mao-Bibel, Lehrbuch und privatem Fotoalbum vor. Ein Schmetterling ist auf der Front eingeprägt, dazu Name und Titel. In Gold. Das Vorsatzpapier besteht aus ornamentalen Mustern, genaueres Hinsehen identifiziert diese als Reihungen weiterer Schmetterlinge. Das mag ein wenig zu viel des Guten sein, verweist aber auf den Inhalt: In der Tat findet man in dem Buch immer wieder Bilder von Schmetterlingen. Mein liebster Schmetterling ist jener mit grün-weißer Färbung, der uns aus der Dunkelheit ins Licht entgegen schwebt. Aber dann ist es gar kein Schmetterling, sondern ein kleines Mädchen, das aus der Tiefe des Raumes kommt. Der halb entblößte Körper ist über und über mir grünen Farbschlieren bedeckt. Eine Creme gegen Windpocken, wie man aus dem Titel kombinieren kann. Weiterlesen
Johan Willner. Boy Stories.
Eine türkisschimmernde Fläche, zerschnitten von einer Garderobenleiste. Das Intro zu Johan Willners Buch lässt den Betrachter dicht vor einer Wand verharren, von der die eigenen Erinnerungsechos hart auf ihn zurückprasseln. Die Wand gehört zu einer Umkleidekabine. Diese wird noch einmal im Abschlussbild auftauchen. Dort wird eine umfassendere Perspektive in die Tiefe des leeren Raums gewährt. Auf einer Bank ein vergessenes Handtuch, auf dem glänzenden Boden liegen achtlos weggeworfene Bonbonpapiere. Willner schafft kinematographische Bilder, deren Inhalte einem exakten Drehbuch folgen. Dessen Schreiber ist die Erinnerung. Weiterlesen
Fanpost 6:
Heute mit Stephanie Bunk, die auf vielfältige Weise der Fotografie verbunden ist, wobei sie sich besonders für den Spagat zwischen Kunst und Bildjournalismus interessiert. Sie arbeitet für die Griffelkunst Hamburg und ist dort für die Fotoeditionen verantwortlich. Vor einigen Jahren hat sie den „Raum für Photographie“ initiiert, sie ist im Vorstand des Freundeskreises des Hauses der Photographie und Co-Kuratorin der FREELENS Galerie. In der persönlichen Begegnung erweist sie sich als als geschätzte Gesprächspartnerin, mit der man extrem gut über den (fotografischen) Tellerrand hinausblicken kann. Geht es etwa um den neuen Roman von Richard Ford oder die jüngste Platte von „The Giant Sand“, immer wird man mit einem sehr dezidierten, überraschenden Urteil der gelernten Kulturwissenschaftlerin rechnen können. Der Leser mag sich von dieser Urteilskraft im folgenden Fanpost-Beitrag überzeugen!
Kirill Golovchenko. Kachalka. Muscle Beach.
Ich war schon ein Fan der Bilder von „Kachalka“, einem riesigen Open-Air-Bodybuilder-Studio in der Nähe von Kiew, bevor Kirill Golovchenko sie nun als Buch im Kehrer Verlag veröffentlicht hat. Als Kirill sie mir das erste Mal zeigte, konnte ich kaum fassen, was ich da sah, so surreal mutete die gesamte Situation an, wenn Menschen jeden Alters und jedweder Gestalt sich an selbstgebauten, aber immer blauen Fitness-Geräten malträtieren. Weiterlesen
Fanpost 5:
Fanpost. Die feste Rubrik im Blog. Seiner Bewunderung für ein Fotobuch Ausdruck geben! Hier kommen Buchhändler und Fotografen, Bibliophile, Experten und Nichtexperten zu Wort, um sich als Fans eines aktuellen Fotobuches zu bekennen. Eines, für das sie besonders schwärmen! Heute mit Michael Klein, einem absoluten Nerd der Fotobuchszene. Er betreibt die Fotobuchhandlung im Haus der Photographie in Hamburg und bespricht von Zeit zu Zeit Bücher für einschlägige Magazine. Vorher war er jahrelang im legendären PPS-Bookshop tätig, einer der ersten Fotobuchhandlungen in Deutschland. Wer die schöne Buchhandlung noch nicht kennt, dem sei unbedingt ein Besuch ans Herz gelegt: immense Auswahl und ein kompetenter Buchhändler, der immer für einen überraschenden Buchtipp, weit ab vom fotografischen Mainstream, gut ist. Kontakt: www.deichtorhallen.de
Olivia Arthur – Jeddah Diary
Frauenleben in Saudi Arabien. Wie von selbst öffnen sich die Schubladen im Kopf: In schwarze Abayas gekleidet, huschen islamische Frauen, immer zwei Schritte hinter ihren Männern, über die Straßen. Der schmale Schlitz des Tschadors lässt lediglich die Augen frei. Wie sich der Körper damit den fremden Blicken entzieht, so verborgen scheint uns das Alltagsleben dieser Frauen in Saudi Arabien überhaupt zu sein. Ein trostloses Dasein in Isolation und Rechtlosigkeit. Verhüllung=Unterdrückung. Weiterlesen
Martin Parr. Life’s a Beach.

Das Erscheinen des Buches „The Last Resort“ im Jahr 1985 zog einen Sturm der Entrüstung nach sich. Darin ist eigentlich schon alles versammelt, was die spätere Ästhetik und Themenauswahl von Martin Parr ausmachen sollte. Der englische Fotograf führte auf dem Höhepunkt der Thatcher-Ära Szenen aus dem Seebad New Brighton vor, von dessen Prachtfassaden die Farbe abblätterte und in dem Familien der englischen Arbeiterklasse an den vermüllten Badestränden in der Sonne rösteten. Das konnte nur heftige, ablehnende Reaktionen zur Folge haben: eine voyeuristische bzw. zynische Vorgehensweise wurde dem Fotografen vorgeworfen. Es war der Grundstein zu einer großen Karriere. „Ich bin süchtig nach Stränden“, sagt Martin Parr von sich. Jetzt, viele Jahre und unzählige Buchveröffentlichungen später, frönt er erneut seinem Lieblingsthema.








